Was ist Geschichte?

Bertolt Brechts lesenden Arbeiter beschäftigt am Feierabend die Frage, wer das siebentorige Theben baute. In den Büchern, die er liest, stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? >>> Antikes Theben

„Die Geschichte ist das Gedächtnis von Staaten“ meinte der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. In den meisten Geschichtebüchern wird uns die Geschichte ebenfalls als die Geschichte von Staaten und die Geschichte wichtiger Staatsmänner erzählt. Betreffend die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert erfahren wir über die geschickte Diplomatie Metternichs, des österreichischen Staatskanzlers, dem es in Zusammenarbeit mit dem britischen Außenminister gelang, beim Wiener Kongress die europäische Ordnung und den Frieden wiederherzustellen, welche durch die französische Revolution gestört worden waren. Für die Mehrheit der Weltbevölkerung war das 19. Jahrhundert allerdings kein Jahrhundert des Friedens und der Ordnung. Für die Mehrheit der Weltbevölkerung war das 19. Jahrhundert eher das Jahrhundert des Krieges und der Unterordnung. Für die Fabrikarbeiter während der Industrialisierung Europas, die von Kindheit an unter miseralben Bedingungen lebten und arbeiteten, für die Menschen in Asien und Afrika, deren Heimatländer von den europäischen Mächten zu Kolonien gemacht wurden, für sie war das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert der Eroberung, der Ausbeutung und der Unordnung.

Für Henry Kissinger ist der Blick auf die Geschichte durch die Augen Metternichs ohne Frage der angemessenste, denn er hat auch seine Gegenwart aus der Position der US-Regierung gesehen, der er als Außenminister angehörte und die den Vietnam-Krieg führte.  Gerade deshalb ist aber diese Betrachtung der Geschichte eine sehr lückenhafte. Sie sieht die Geschichte aus dem Blickwinkel der Eroberer, und nicht aus dem Blickwinkel der Eroberten, sie sieht die Geschichte aus dem Blickwinkel der Herren, und nicht aus demjenigen der Sklaven. Diese Art der Geschichtsbetrachtung ist voll des Lobes und der Anerkennung für die großen Leistungen der Könige, die das siebentorige Theben errichteten. Ich möchte meinen Blick aber (auch) auf die Menschen richten, die die Felsbrocken herbeischleppten.

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