Gender history: Die Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit

Veröffentlicht: 14. März 2016 in Gesellschaft, Neuzeit
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>> Gesellschaftliches Verhältnis von Frauen und Männern – Die Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit als PDF

 

 

Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Männern – Erklärungsmodelle für die Hexenverfolgung

AUFGABENSTELLUNGEN

  1. Rekonstruiere mit Hilfe der Materialien 1 bis 9 sowie den Bildquellen im Buch GO!6, Seite 40 und Seite 42, die Tatbestände, die den Angeklagten bei Hexenprozessen vorgeworfen wurden
  • Welche Tätigkeiten sind abgebildet?
  • Welche Zeitpunkte, Orte usw. sind abgebildet?

 

  1. Untersuche die folgenden Materialien 1 bis 9 (inklusve der schriftlichen Anmerkungen) und rekonstruierte die darin enthaltenen Hexen- und Frauenbilder.
  • Welches Geschlecht, welches Alter, welche soziale Stellung, welche ethnische Zugehörigkeit haben die abgebildeten Menschen?

 

  1. Beschreibe mit Hilfe der Informationen aus dem Liniendiagramm (Material 10) die Dynamik (= Wann stieg die Zahl der Prozesse stark an? Wann war der Höhepunkt?) der Hexenverfolgung in Frankreich! Vergleiche diese Informationen mit der Information über die Hexenprozesse im deutschsprachigen Raum (= „Heiliges Römisches Reich“) auf Seite 43 im Buch GO!6!

 

  1. Erstelle mit Hilfe der Informationen aus der Material 11 eine hypothetische Erklärung (= mögliche Faktoren, die das Phänomen erklären können) für die Dynamik der Hexenverfolgung in Europa!

 

  1. Erörtere, welche der Materialien 1 bis 13 Belege für die von feministisch orientierten Historikerinnen vertretene Erklärung(en) für die Hexenverfolgung (= Materialien 15 & 16) liefern können!

 

  1. Diskussion: Ursachen und Hintergründe der Hexenverfolgung
  • Nimm Stellung zu den folgenden Aussagen begründe deine Ansicht mit Hilfe der zur Verfügung gestellten Quellen und Darstellungen.

 

  I agree totally I have minor objections I have major objections I totally disagree
1.       Die wichtigste Erklärung für die Hexenverfolgung ist die von den politisch Verantwortlichen (= Herrschenden) seit dem 16. Jahrhundert betriebene Bevölkerungspolitik mit dem Ziel der Erhöhung der Bevölkerungszahl.

 

2.       Durch die irrationale Stimmung gegenüber Hexen in der Bevölkerung wurden die politisch Verantwortlichen praktisch gezwungen, Hexenprozesse abzuhalten (siehe GO!6, Seite 43).

 

3.  Die Hexenverfolgung und die damit einhergehende „Abwertung von Frauen“ sowie die Durchsetzung des bürgerlichen Frauenbildes um 1800 (Kompetenz: Deutsch, Seite 65) hat große Nachwirkungen auf die gegenwärtigen Gender-Zuschreibungen und die gesellschaftlich vorherrschenden Geschlechterrollen.

 

4.       Die Darstellung im Buch The History of Psychiatry (= Material 14) gibt den von der Hexenverfolgung betroffenen Personen eine Mitverantwortung dafür, dass sie Opfer der Hexenverfolgung wurden.

 

 

Material 1

Neuzeit_Hexensabbat_1510Witches Sabbath. The most famous of a series of engravings the German artist Hans Baldung produced, starting 1510.

 

Material 2

Neuzeit_Hexen_Kräutergarten_1532

The witch’s herbary. Engraving by Hans Weidlitz (1532) As the starry globe suggests, the „virtue“ of the herbs was strengthened by the proper astral conjunction.

 

Material 3

Neuzeit_Hexen_Kinder_kochen

Witches cooking children. From Francesco Maria Cuazzo’s „Compendarium Maleficarum“, 1608

 

Material 4             

Neuzeit_Hexen_Flug_1570

Women fly on their brooms to the Sabbat after applying unguents (Salben) to their bodies. 16th century French print from Thomas Erastus‘ „Dialogues touchant le pouvoir des sorcières“ (1570).

 

Material 5

Neuzeit_Hexenverbrennung_Amsterdam_1571

Jan Luyken, The execution of Anne Hendricks for witchcraft in Amsterdam in 1571.

 

Material 6

Neuzeit_Hexen_Sabbat_1612

Darstellung eines feierlichen Hexensabbats als Festessen – Ausschnitt aus einer Illustration von Jan Ziarnko (1612)

 

 

 

Material 7

Neuzeit_Hexen_Essex_1589

The execution of witches in Chelmsford (Essex, England) in 1589. Joan Prentice, one of the victims, is shown with her familiars.

 

Material 8

Neuzeit_Hexen_Tiere_1619

A classic image of the English witch: old, decrepit, surroundes by her animals and her cronies, and yet maintaining a defiant posture. From: The Wonderful Discoveries of the Witchcrafts of Margaret and Philipp Flowers, 1619.

 

Material 9

Neuzeit_Hexen_Amerika_Vespucci_Kannibalen

Amerigo Vespucci landing on the South American coast in 1497. Before him, lying on a hammock, is „America“. Behind her some cannibals are roasting human remains. Engraving by Théodore Galle (1589)

Material 10

Neuzeit_Grafik_Hexenprozesse_1505_1650

This graph, indicating the dynamics of the witch trials between 1505 and 1650, refers specifically to the area of Namur and Lorraine in France.

 

Material 11

The wages of an English carpenter,  expressed in kilograms of  grain:

 

YEARS                             KILOGRAMS OF GRAIN

 

1351 – 1400                        121,8

1401 – 1450                      155,1

1451 – 1500                      143,5

1501 – 1550                        122,4

1551 – 1600                          83,0

1601 – 1650                          48,3

 

 

Material 12 (Bild rechts): A dispute between a witch and an Inquisitor (before 1514)

Neuzeit_Hexen_Inquisition_1514

Many women accused of witchcraft were old and poor. Often they depended on public charity for their survival. Traditionally considered a wise woman, old women were the ones who embodied the community’s knowledge and memory. The witch-hunts turned the image of the old woman upside down. The old woman became a symbol of sterility and hostility to life.

„Witchcraft is the weapon of the powerless“ – Old women were those in a community most likely to resist the transformation and often the destruction of the old, communal relations when they were replaced by modern, capitalist economic and social relations.

 

Material 13: Walter Charleton, „Ephesian Matron“, 1659

 

You are the true Hyenas, that allure us with the fairness of your skins and when folly has brought us within your reach. You leap upon us. You are the traitors of Wisdom, the impediment to Industry … the clogs to Virtue and the goads that drive us to all vices, impiety and ruin. You are the Fool’s Paradise, the wise man’s Plague and the Grand Error of Nature.

zitiert nach Federici, Caliban and the Witch, S. 162

 

Material 14: G. Alexander and S.T. Selesnick in „The History of Psychiatry“ (1978):

 

„The accused witches oftentimes played into the hands of the persecutors. A witch relieved her guilt by confessing her sexual fantasies in open court; at the same time, she achieved some erotic gratification by dwelling on all the details before her male accusers. These severely emotionally disturbed women were particularly susceptible to the suggestion that they harbored demon and devils and would confess to cohabiting with evil spirits, much as disturbed individuals today, influenced by newspaper headlines, fantasy themselves as sought-after murderers.“

zitiert nach Federici, Caliban and the Witch, S. 163

 

Material 15: John Riddle, Eve’s Herbs. A History of Contraception in the West (1999)

Middle Ages (Mittelalter

Frauen verfügen über Wissen zur Herstellung von Verhütungsmitteln – Kräuter, Tränke etc. – mit denen…

·         … Unfruchtbarkeit hergestellt werden konnte

·         … ein Schwangerschaftsabbruch eingeleitet werden konnte

 

Modern Period (Neuzeit)

·         Frauen wird die Kontrolle über Fortpflanzung genommen: Kriminalisierung der Verhütung und Abtreibung

·         Frauen werden in bisher nicht dagewesenem Ausmaß  auf Reproduktionsarbeit festgelegt (= Kinder und Haushalt)

·         Frauen werden aus Zünften (Berufsvereinigungen) hinausgedrängt

 

 

Material 16: Feministisch orientierte Historikerinnen erklären die Geschichte der Hexenverfolgungen

Die Untersuchung des Geschlechts (überwiegend weiblich) und der sozialen Klasse (ärmere Schichten) der „Hexen“ lässt für feministisch orientierte HistorikerInnen den Schluss zu, dass die Hexenverfolgungen …

  • … deshalb stattfanden, weil Hexen bzw. Frauen eine Bedrohung für die sich neu entwickelnden Machtstrukturen darstellten
  • … deshalb stattfanden, weil Hexen bzw. Frauen der ungehinderten Entfaltung neuer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse (= Frühkapitalismus) im Weg standen
  • … ein über zwei Jahrhunderte dauernder Krieg gegen die Frauen in Europa ebenso wie gegen die indigenen Frauen in Amerika war
  • … ein zentraler Teil des Prozesses der Abwertung der Frauen(-arbeit) und der Unterordnung der Frauen unter die Hoheit des Familienvaters waren
  • … ein Angriff auf die weibliche Kontrolle über die Reproduktion (= Kinderproduktion) waren. Diese war ein Hindernis für das – von den Machthabern seit dem 16. Jahrhundert verfolgte – Ziel einer Anhebung der Bevölkerungszahl. Der französische Jurist und „Politikberater“ Jean Bodin schrieb: „Man sollte sich nie davor fürchten, zu viele Untertanen oder Bürger zu haben, denn die Macht eines Gemeinwesens liegt in seinen Menschen.“
  • … das Ziel hatten, die Macht der Frauen zu brechen, welche sie durch ihre Sexualität, durch ihre Kontrolle über die Reproduktion und durch ihre Heilfähigkeit erlangt hatten

Geschichte der Hexenverfolgung


Das Wort „Hexerei“ wurde erstmals in einem Inquisitionsprozess in Luzern 1420 verwendet, und zwar für weibliche Häretikerinnen (Ketzerinnen) ebenso wie für Juden. Es besteht in gewissem Ausmaß eine Kontinuität von Judenverfolgung und Hexenverfolgung. Juden wurden im (Spät-)Mittelalter unter anderem auch als Giftmischer, Zauberer und Teufelsverehrer dargestellt. Weit verbreitet war auch die Vorstellung, dass Juden Ritualmorde an christlichen Kindern durchführten. Noch bis ins späte 20. Jahrhundert fanden in Tirol kirchliche Prozessionen zu Ehren des „Anderle von Rinn“ statt, das von Juden rituell ermordet worden sein soll.

Tatbestände, wegen denen Hexen angeklagt  wurden:

  • Teilnahme am Hexensabbat oder ähnlichen Zeremonien
  • Herstellung von Tränken und Salben aus Kräutern
  • Flüge durch die Luft
  • Pakt und Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, Verkauf der Seele an den Teufel
  • Kannibalismus
  • Kinderopfer an den Teufel
  • Ermordung von Kindern mit magischen Kräften, um aus dem Fleisch der Kinder Zaubertränke herzustellen
  • Hexen sollen Männern ihre Penisse gestohlen haben, Männer impotent gemacht haben
  • Verhexen von mächtigen Männern mit Todesfolge
  • Verursachung des Todes von Nachbarn
  • Vernichtung von Vieh und Ernten, Heraufbeschwören von Stürmen

Der Staat, die Kirche und die „Hexerei“

Die Hexenverfolgung war einer der ersten Bereiche, in denen die ansonsten verfeindeten katholischen und protestantischen Staaten bereits im 16. Jahrhundert eine Gemeinsamkeit  entwickelten:

  • Der katholische Kaiser des „Heiligen Römischen“ bzw. des Deutschen Reichs, Karl V., verfügte im Jahr 1532, dass Hexerei mit dem Tode bestraft werden sollte
  • König Heinrich II. von Frankreich verordnete 1556, dass Frauen, die ihre Schwangerschaft verbargen und deren Kind tot geboren wurde, Mörderinnen gleichgesetzt werden (= Todesstrafe)
  • Im protestantischen England wurde zwischen 1540 und 1604 in mehreren Parlamentsbeschlüssen die Hexerei mit der Todesstrafe bedroht

 

Die Rolle der christlichen Kirchen sollte zwar nicht zu klein angesetzt werden, aber die meisten Hexenprozesse wurden von weltlichen, also nicht-kirchlichen Gerichten organisiert. In Spanien und Italien, in denen vorwiegend die Inquisition der katholischen Kirche aktiv war, war die Zahl der hingerichteten Hexen vergleichsweise gering. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts stieg die Zahl der wegen Hexerei angeklagten Frauen dramatisch an. Ihren Höhepunkt erreichten die Hexenverfolgungen in der Zeit zwischen 1580 und 1630.

Um das Jahr 1600 ging die Initiative für die Anklage von der Inquisition zu weltlichen Gerichten über. Zur gleichen Zeit, als Johannes Kepler, Galileo Galilei, Rene Descartes und andere zum Durchbruch der neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Weltsicht beitrugen, erreichte die Hexenverfolgung ihren Höhepunkt.

„Dämonologen“ spielten eine wichtige Rolle. Richter, Staatsanwälte, Wissenschaftler und Theologen verfassten Schriften zum Problem der Hexerei und „Dämonologien“, in denen sie die Hexerei als das „abscheulichste Verbrechen“ brandmarkten.

Zu den namhaftesten Befürwortern einer schonungslosen Verfolgung von Hexen zählte der französische Philosoph und Jurist Jean Bodin. Er bestand auf der Notwendigkeit, dass die Hexen bei lebendigem Leib verbrannt werden und nicht gnadenhalber schon zuvor erwürgt werden.

Die Hexenjagden wurden also nicht primär durch die abergläubischen Volksmassen ermöglicht oder gar verursacht. Es war vielmehr eine politische Initiative seitens der Machthaber.

 

Ablauf eines Hexenprozesses

In Schottland beispielsweise wurde von der presbyterianischen Kirche die Möglichkeit geschaffen, dass die Bevölkerung anonym Informationen über der Hexerei verdächtige Frauen abliefern konnte. Potentiell mussten alle Frauen dauernd damit rechnen, als nächste der Hexerei verdächtigt zu werden. Der Hexenprozess war wie alle anderen vormodernen Gerichtsverfahren geheim, der Vollzug der Strafe dafür öffentlich:

  1. Verlesung der Anklage
  2. Geheime Denunziationen durch anonym bleibende Informanten
  3. Befragung der Verdächtigen mittels Folter, was in den meisten Fällen zu Geständnissen führte
  4. Verlesung und öffentliche Vollstreckung des Urteils

Beim modernen Gerichtsverfahren ist es genau umgekehrt: Öffentliches Verfahren und Vollzug der Strafe hinter den verschlossenen Türen der Strafanstalt.

 

Bevölkerungspolitik: Brechen der Macht der Frauen über die Reproduktion

Mitte des 16. Jahrhunderts begannen einige Regierungen bereits damit demographische Statistiken, also Aufzeichnungen über die Entwicklung der Bevölkerungszahlen, zu erstellen. Ziel der Politik der herrschenden Kräfte in Europa war die Förderung des Bevölkerungswachstums.

 

Landprivatisierung, Einhegungen und die Vertreibung der Bauern vom Land – Beispiel: Britische Inseln

Thomas Morus schreibt in seinem Buch „Utopia“ darüber, dass „Schafe Menschen fraßen“:

Das eingehegte Land der Bauern und die privatisierte Allmende wurden als Weideland für die Schafzucht verwendet.

Beispiel Essex (England): Höhepunkt der Landprivatisierung war zugleich Höhepunkt der Hexenverfolgungen

In Regionen der britischen Inseln, in denen es zu keiner Landprivatisierung gekommen war, gab es auch keine Hexenverfolgung, z.B. in Irland und den westlichen Highlands in Schottland. Während in den von der Landprivatisierung betroffenen schottischen Lowlands rund 4.000 Frauen wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden, wurde in Irland und den westlichen Highlands keine einzige Person wegen Hexerei angeklagt.

In Irland waren Formen kollektiven Landbesitzes sowie starke verwandtschaftliche Bande vorhanden, es war noch zu keiner ausgeprägten Spaltung der Gesellschaft in arm und reich gekommen, was die „Komplizenschaft“ von (Teilen der) Bevölkerung mit den staatlichen Behörden erschwerte.

Die enormen Preissteigerungen für Lebensmittel in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehen ebenfalls mit einer Zunahme der Anzahl der Hexenprozesse einher.

Die Hexenjagd betraf zum allergrößten Teil Frauen aus den ärmeren sozialen Schichten der Gesellschaft. Eine Ausnahme bildet hier Deutschland, wo auch ein gewisser Anteil der verurteilten „Hexen“ aus dem wohlhabenderen Bürgertum stammte. Hier spielte das Motiv der ökonomischen Bereicherung eine größere Rolle, denn das Vermögen der betreffenden Familien wurde teilweise konfisziert.

 

Hexenverfolgung in der „Neuen Welt“

Es existieren Parallelen zwischen der Hexenverfolgung in Europa und der Verfolgung der AnhängerInnen nicht-christlicher Religionen in Amerika durch die europäischen Eroberer (Conquistadoren).

  • Gleichzeitigkeit: 16. & 17. Jahrhundert

 

Ähnlichkeit der Zielsetzungen

  • Zerstörung des Sozialgefüges in den Dörfern der amerikanischen Urbevölkerung
  • Kolonialer Angriff auf die Macht und den gesellschaftlichen Einfluss von Frauen

 

Im 16. Jahrhundert fanden Prozesse noch gegen PriesterInnen und AnhängerInnen der indigenen Religionen statt, die sich der Christianisierung widersetzten.

Im 17. Jahrhundert finden auch in Mittel- und Südamerika Prozesse wegen „Hexerei“ mit identischen Anklagen wie in Europa statt. (siehe: Tatbestände, die den Hexen zum Vorwurf gemacht wurden)

 

Es wird in diesem Zusammenhang auch von einem Boomerang-Effekt gesprochen: Der Boomerang der Hexenverfolgung wurde nach Amerika geworfen, von dort kamen Inquisitoren und „Dämonologen“ dann wieder nach Europa zurück.

 

Die betroffenen Personen waren auch in Amerika überwiegend weiblich. Die Frauen waren die hartnäckigsten GegnerInnen der neuen, von den Conquistadoren durchgesetzten männerdominierten Machtstrukturen

Zwar waren auch die Frauen in vielen der indigenen Gesellschaften nicht vollkommen gleichberechtigt (in manchen jedoch schon), aber ihre gesellschaftliche Stellung als Priesterinnen, Ärztinnen mit Kenntnissen über die Wirkung von Heilkräutern, Töpferinnen und Weberinnen war zumindest nicht vollständig derjenigen der Männer untergeordnet.

Die indigenen Frauen waren rechtlich nicht davor geschützt, von europäisch-stämmigen Männern vergewaltigt oder geraubt zu werden.

Aus diesen Gründen spielten Frauen eine verhältnismäßig große Rolle im Widerstand gegen die europäische Kolonialherrschaft in Mittel- und Südamerika.

Beispiel: Die Taki-Onqoy-Bewegung, die in den 1560er Jahren in den höhergelegenen Ebenen der Anden gegen die europäische Kolonialherrschaft und die zwangsweise Bekehrung zum Christentum kämpfte und sich für die Rückkehr zu den ursprünglichen religiösen Vorstellungen und sozialen Verhältnissen – vor der Eroberung – einsetzte

Die Hexenverfolgung in Mittel- und Südamerika war aber insofern weniger erfolgreich, als die „Hexen“, also die indigenen Priesterinnen der traditionellen Religionen, häufig von den indigenen Dorfgemeinschaften vor der Verfolgung geschützt wurden. Die Identifikation mit der traditionellen Religion verschmolz sich in Amerika mit dem politischen Widerstand gegen die Eroberung und Kolonialisierung.

HistorikerInnen haben die Hexenverfolgung auch als ein Beispiel für die in Europa im 16. Jahrhundert entwickelte „Strategie der Vernichtung“ interpretiert. Diese wurde anfangs auch gegen die „eigene“, also europäische Bevölkerung angewendet. Ein anderes Beispiel neben der Hexenverfolgung aus derselben Zeit ist das vom französischen König Karl IX. angeordnete Massaker an den Hugenotten (= französische Protestanten)  im August 1572 („Bartholomäus-Nacht“).

 

William Shakespeares „Der Sturm“

William Shakespeares Theaterstück Der Sturm hat die europäische Expansion in die Neue Welt zum Thema. Caliban ist eine Hauptfigur aus dem Stück. Er ist  der Sohn der wegen Zauberei angeklagten und aus Algerien verbannten Hexe Sycorax. Diese ist schwanger auf einer Insel – in der Karibik – zurückgelassen worden, wo sie ihren Sohn Caliban zur Welt bringt. Nach der Ankunft des weisen Zauberers Prospero wird Caliban von diesem versklavt.

Prospero, der seine Triebe kontrolliert, kann als Sinnbild von Kultur gedeutet werden. Der wilde Caliban (dessen Name ein Anagramm von „canibal“ ist) stellt einen Gegensatz zur Kultur dar: Er verkörpert die Natur, er ist ungebildet und triebgesteuert. Caliban ist „unfähig zu freier Selbstbestimmung und deshalb dazu ausersehen, beherrscht und benutzt zu werden.“ Calibans Versklavung steht sinnbildlich für die Unterwerfung indigener Bevölkerungen durch europäische Eroberer seit der frühen Neuzeit. Caliban verändert jedoch seinen Charakter während des Stückes und wird schließlich zum dienstwilligen Knecht seines Gebieters Prospero.

Cuban writer Roberto Fernandez Retalnar wrote: „Our symbol is Caliban. This is something that we, the mestizo inhabitants of these same isles where Caliban lived, see with particular clarity. Prospero invaded the islands, killed our ancestors, enslaved Caliban and taught him the language to make himself understood. What else could Caliban do but use the same language – today he has no other – to curse him?  From Tupac Amaru, Toussaint-Louverture, Simone Bolivar, Jose Marti, Fidel Castro, Che Guevara, Frantz Fanon – what is our history, what is our culture, if not the history and culture of Caliban?” (p.14).

 

 

Die Autorin des 2004 veröffentlichten Buches „Caliban and the Witch“ („Caliban und die Hexe“), Sivia Federici (* 1942 in Parma, Italien), ist eine italienisch-amerikanische Wissenschaftlerin und feministische Aktivistin. Sie ist emeritierte Professorin für politische Philosophie und Women Studies und lebt in New York City.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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