Die Bauernkriege, die Reformation und die Revolution des gemeinen Mannes – Featuring Thomas Müntzer

Veröffentlicht: 7. November 2012 in Neuzeit
Schlagwörter:, , , , ,

>>> Aufgaben zu den 12 Artikeln der Bauern und Thomas Müntzer als PDF

>>> Der Bauernkrieg und die Reformation als PDF

>>> Bauernkriege und die Reformation – Der Link zum QUIZ

>>> LINK zu „Thomas Müntzer und der Kampf der Bauern“ – Dokumentation aus der Reihe „Die Deutschen“ (Dauer 43 Minunten)

>>> TRUE-FALSE zur ZDF-Dokumentation über „Thomas Müntzer und der Kampf der Bauern“ als PDF

>> Mind-map zum Bauernkrieg im 16. Jahrhundert als PDF

Für die Landbevölkerung in Deutschland und anderen Gegenden in Europa hatte sich durch die Entdeckung Amerikas nicht viel zum Besseren verändert. Die meisten Bauern waren weiter ihren Grundherren hörig oder leibeigen. Die kirchlichen und weltlichen Grundherren verlangten von den Bauern immer mehr Frondienste. Viele Grundherren entzogen den Bauern alte Rechte (Fischfang, Holz schlagen im Gemeindewald) und versuchten, die ehemals für alle Bauern einer Gemeinde nutzbare Allmende zu „privatisieren“ Die Abgaben sollten die Bauern auch in Geld statt in Naturalien leisten, was nach Ansicht der Bauern gegen die heilige Schrift verstieß. Nach dem Tod eines Bauern mussten die Hinterbliebenen des Verstorbenen die Hälfte des Besitzes an den Grundherren abtreten. Dieser sogenannte „Todfall“ wurde von den Bauern als untragbare Belastung empfunden. Hörige Bauern, die ihre Abgaben nicht mehr leisten konnten, wurden zu Leibeigenen ihres Grundherren. In vielen Fällen waren die Grundherren kirchliche Einrichtungen wie Klöster oder Bischöfe.

Luthers Auftreten gegen die Zustände in der katholischen Kirche auf dem Reichstag in Worms 1521 war für viele Bauern in Deutschland ein Signal, für eine Verbesserung ihrer Lage zu kämpfen. Ihre wichtigsten Forderungen fassten die Bauern im Jahr 1525  in den 12 Artikeln zusammen. Den adeligen Herrschern, die nicht bereit waren, den Forderungen der Bauern entgegen zu kommen, wurde der Kampf angesagt. Während Martin Luther schließlich den Kampf der Bauern ablehnte, wurde der Priester Thomas Müntzer zum wichtigsten Sprachrohr der bäuerlichen Forderungen nach einer gerechteren Gesellschaft.

Luther sprach sich anfangs auch gegen die Ausbeutung der Bauern aus, um damit den Luxus des Papstes und der Kirche zu finanzieren. Insbesondere kritisierte Luther die Vorstellung, dass man gegen eine Geldzahlung an die Kirche (Ablassbriefe) die Vergebung der Sünden erlangen könne. Für ihn hatten gute Werke oder gutes Handeln insgesamt eine weniger große Bedeutung für das Seelenheil. Stattdessen erlangte die Gnade Gottes einen größeren Stellenwert. Nachdem Luther vom Kurfürsten von Sachsen – nach seinem Auftritt beim Reichstag in Worms – auf der Wartburg versteckt worden war, übersetzte Martin Luther in seinem Versteck die Heilige Schrift ins Deutsche. Dabei bemühte er sich darum, den Leuten „auf’s Maul zu schauen“, d.h. um eine Sprache, die die Menschen wirklich verstanden. Die Übersetzung der Bibel war ein wesentlicher Beitrag zur Entstehung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Die deutsche Übersetzung der Bibel machte es den Bauern möglich, nachzuprüfen, was in der Heiligen Schrift tatsächlich geschrieben steht. Damit hatten die Bauern auch die Möglichkeit, sich auf Stellen in der Heiligen Schrift zu beziehen, um ihre Forderungen zu rechtfertigen.

KARTE des Bauernkriegs im 16. JahrhundertThomas Müntzer war anfänglich auch ein Anhänger der Erneuerungsbewegung von Martin Luther. Ebenso wie Luther sprach sich Müntzer gegen das Zölibat aus und war für das Recht der Priester, eine Frau zu heiraten. Er war ebenfalls in Sachsen tätig, allerdings wechselte er öfters den Ort seines Wirkens. Ersmals gelangte er als Priester in Zwickau (Sachsen) in den Jahren 1520-1521 zu Bekanntheit.  Thomas Müntzer schätzte besonders die prophetischen Bücher der Bibel wie die Offenbarung des Johannes. Seine visionäre Auslegung der apokalyptischen Bibelteile führten ihn unter anderem dazu, in der mit Purpur bekleideten Hure Babylons (Offenbarung 17,4) die römisch-katholische Kirche zu sehen. In der Fürstenpredigt deutete Müntzer seine Zeit als das fünfte Reich, das ebenfalls – wie das Reich der Babylonier und der Römer, aus Eisen besteht, weil es Arme und Unschuldige unterdrückt. Er erinnerte die Christen daran, dass Jesus in einem Viehstall geboren worden sei. Jesus stehe deshalb auf Seiten der Armen und Unterdrückten. Diejenigen, die sich in Pelzmänteln kleiden und auf Seidenkissen sitzen, sind  – wörtlich – „Christo ein Greuel“.Thomas Müntzer meinte, dass die adeligen Herrscher mit ihrem Schwert entweder die göttliche Gerechtigkeit verwirklichen müssten oder, wenn sie dazu nicht in der Lage sind, dann wäre ihre Herrschaft nicht von göttlichem Ursprung und deshalb nicht legitim (gerechtfertigt). Gott dulde jedenfalls keine Tyrannei, sondern verheiße (= verspreche) allen Menschen Freiheit und Gleichheit.

Schon in den Jahrzehnten vor dem eigentlichen Bauernkrieg im Jahr 1525 hatte es im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bewegungen der Bauern und der ärmeren Bevölkerung der Städte gegeben, so z.B. den sogenannten „Bundschuh“ sowie die Bewegung des „Armen Konrad“. Der Umbau von Klöstern und Kirchen im gotischen Stil kostete viel Geld, was die kirchlichen Grundherren durch höhere Abgaben von den Bauern zu bekommen hofften. Die Untertanen des Abtes von St. Gallen (Schweiz) verwüsteten im Juli 1489 einen fast fertigen Neubau eines Klosters in Rorschach am Bodensee (Schweiz), um gegen die überbordende Repräsentationslust der Kirche zu protestieren, die aus ihren Abgaben finanziert wurde. Im Jahr 1524 erreichen die Konflikte zwischen Bauern und Grundherren erstmals einen Höhepunkt. In diesem Jahr kam es besonders im südwestlichen Teil des Reichs, im Gebiet zwischen Schwarzwald und Bodensee, zu zahlreichen Fällen der Abgabenverweigerung durch Bauern. Dort begannen die Bauern auch damit, sich in „Haufen“ zu organisieren, wobei ihnen erfahrene Landsknechte als militärische Anführer zur Seite standen.

Eine Vielzahl von Priestern, nicht nur Thomas Müntzer, soldarisierten sich mit den Bauern und ihren Forderungen. Sie predigten das „reine Evangelium“ in der Sprache der Bauern und nicht, dass die Bauern der Obrigkeit bedingunglosen Gehorsam schuldig seien. Nicht zuletzt ermuntert durch Thomas Müntzer und andere Erneuerer in der Kirche forderten die Bauern Freiheit. Damit meinten sie die Abschaffung der Leibeigenschaft und eine Verringerung der  Frondienste. Die Bauern forderten auch im ersten ihrer 12 Artikel, dass die Gemeinde ihren Pfarrer selber wählen können sollte, damit dieser für sie das „reine Evangelium“ predigt und nicht die Rechtmäßigkeit der adeligen Abgaben predigt. Im Frühjahr 1525 wurden mehr als hundert Beschwerden über Zwangsarbeit und andere Missstände von Bauern zusammengetragen und als Sammelklage gegen die Adeligen vor Gericht eingebracht. Da die Gerichte aber oftmals im Sinne der Grundherren entschieden und auch althergebrachte Rechte der Bauern nicht mehr erfolgreich vor Gericht eingefordert werden konnten, trafen sich am 6. März 1525 in Memmingen (im südwestlichen Bayern) Vertreter des Allgäuer Haufens, des Bodensee-Haufens und anderer süddeutscher Bauernverbände, um sich zu beraten. Ergebnis der Verhandlungen waren die die Zwölf Artikel. Darin forderten die Bauern, dass die Willkür der grundherrlichen Gerichte beendet werden müsse, weiters die Abschaffung der Erbschaftssteuer („Todfall“) in der Höhe der Hälfte des bäuerlichen Besitzes. Auch die Frage der Frondienste spielte eine wichtige Rolle. Diese wurden willkürlich von den Grunherren in immer höherem Ausmaß eingefordert. Die Bauern forderten, dass die Frondienste nicht einseitig von den Grundherren erhöht werden dürfen. Die Leibeigenschaft sollte ersatzlos abgeschafft werden (= Forderung nach Freiheit). Die Allmende (= Gemeindewiesen und Äcker) soll allen Bauern gemeinsam zur Verfügung stehen und sie soll nicht von den Grundherren „privatisiert“ werden. Der Begriff „Privatisierung“ ist zwar modern und wurde so von den Bauern nicht verwendet. „Privatisierung“ beschreibt allerdings sehr gut, was die Grundherren mit der Allmende machten, nämlich sie aus den Händen der bäuerlichen Gemeinden in ihr privates Eigentum zu überführen und den Bauern den Zugang zur Allmende zu verwehren. Konkret forderten die Bauern die Entnahme von Holz aus den Gemeindewäldern (Bauholz, Brennholz) sowie das Jadrecht und das Recht auf Fischfang.

Die Aufstände dehnten sich im Frühjahr 1525 über weite Gebiete des Deutschen Reichs aus. Im süddeutschen Raum erhoben sich die Bauern zwischen dem Elsass (Rhein), dem Schwarzwald, der heutigen Schweiz und Bayern. Nach Norden dehnte sich der Bauernkrieg im Frühjahr 1525 bis zum Main, nach Thüringen und nach Sachsen aus. Die Bauern belagerten Burgen und Klöster der Grundherren und forderten von diesen die Annahme der 12 Artikel. Wenn sich die Adeligen weigerten, griffen sie Burgen und Klöster an, um sie zu erobern und die Annahme der 12 Artikel zu erzwingen. Thomas Müntzer hatte ebenfalls bereits erkannt, dass die Adeligen und Fürsten nicht bereit waren, für eine gerechte Gesellschaft zu sorgen, er stellte sich an die Spitze der revoltierenden Bauern. Deshalb hatte er schon im Jahr 1524 die Stadt Allstedt verlassen müssen. In Frankenhausen in Thüringen kam es im Mai 1525 zu einer großen Schlacht zwischen Bauernverbänden und den Armeen der adeligen Landesherren und des Kaisers. Diese Schlacht endete so wie auch andere mit einer militärischen Niederlage der Bauern, die gegen die mit Feuerwaffen und Kanonen schwer bewaffneten Söldnerheere der Landesfürsten sowie des Kaisers Karl V. unterlegen waren. Es folgten zahlreiche Hinrichtungen von Bauern, die sich dem Aufstand angeschlossen oder ihn unterstützt hatten, zehntausende verloren ihr Leben. Ein Pfarrer aus der Schweiz meinte, dass innerhalb eines Jahres noch nie „soviel Christenblut vergossen“ worden sei „durch den Henker“.

Nachdem sich die Bauern in Österreich im Jahr 1525 nicht erhoben hatten, kam es im Jahr 1526 in Tirol, Salzburg und in Oberösterreich ebenfalls zu Bauernerhebungen. Die Aufstände der Bauern waren in erster Linie von ihren zeitgenössischen Gegnern als „Bauernkrieg“ bezeichnet worden. Inzwischen hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass es sich beim Bauernkrieg um die erste Revolution auf dem Gebiet des heutigen Deutschland (und Österreich) handelt. Dabei werden vor allem die Forderungen nach Grundrechten gegenüber der Willkür der Grundherren und Landesherren als ein Vorläufer der demokratischen Forderungen nach einer Verfassung im 18. und 19. Jahrhundert gesehen. Historiker haben deshalb die alternative Bezeichnung „Revolution des gemeinen Mannes“ vorgeschlagen.

Im 19. Jahrhundert galt Thomas Müntzer bei vielen Historikern als ein fanatischer „Mordprophet“, der Bauernkrieg war ein negatives Ereignis, das „glücklicherweise“ gescheitert sei. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sahen immer mehr Historiker in Thomas Müntzer den ersten demokratischen Fürsprecher für Freiheit und Gleichheit in Deutschland und den Bauernkrieg als eine „frühbürgerliche Revolution“.  Die Ansicht, dass es sich beim Bauernkrieg um die erste Revolution auf dem Gebiet des heutigen Deutschland (und Österreich) handelte, hat sich heute durchgesetzt. Dabei werden vor allem die Forderungen nach Grundrechten gegenüber der Willkür der Grundherren und Landesherren als ein Vorläufer der demokratischen Forderungen nach einer Verfassung im 18. und 19. Jahrhundert gesehen. Die Aufstände der Bauern waren in erster Linie von ihren zeitgenössischen Gegnern als „Bauernkrieg“ bezeichnet worden. Historiker haben deshalb die alternative Bezeichnung „Revolution des gemeinen Mannes“ vorgeschlagen.

Bis ins 20. Jahrhundert herrschte die Auffassung, dass die „Revolution des gemeinen Mannes“ in einer vollständigen Niederlage für die Bauern geendet habe. Inzwischen wurde durch historische Forschungen herausgefunden, dass es auch einige Verbesserungen für Bauern gegeben hat. Im süddeutschen Raum wurden die erdrückend hohen Erbschaftssteuern verringert und das Recht auf freie Heirat gewährt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s