1968 – Ein Überblick

Veröffentlicht: 14. Februar 2012 in 1968, Geschichte 8. Kl, Nach 1945
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Im Mai 1968 kam eine schon jahrelang andauernde Bewegung von Protesten zu einem Wendepunkt. Beteiligte an dieser Bewegung wurden in den Jahren und Jahrzehnten danach als 68er oder Alt-68er bezeichnet. Was hat die Menschen damals zum massenhaften Protest bewogen? Es waren mehrere, teils miteinander verbundene, teils aber auch voneinander unabhängige Bereiche der Gesellschaft, mit denen zahlreiche Menschen unzufrieden waren und in denen sie für Veränderungen eingetreten sind. Einen guten Überlick über einige der wichtigsten Beweggründe für die Protestbewegungen in den 1960er Jahren, die im Mai 1968 ihren Höhepunkt in Westeuropa erreichten, liefert der folgende Podcast mit dem Titel >>> Zeit der Proteste – die 68er zum Anhören (18 Minuten)

Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1968Es gab die Benachteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA und das Civil Rights Movement, das sich beginnend in den 1950er Jahren gegen die racial segregation richtete. Ein erster Erfolg dieser Bewegung war die Entscheidung, dass getrennte Schulen für Weiße und Schwarze in den USA den Grundsätzen der Verfassung widersprechen. Das entschied der  Supreme Court im Jahre 1954. Weil sich aber allein aufgrund dieser Entscheidung die Benachteiligung der Afroamerikaner in den USA nicht wesentlich verbesserte, erhielt das Civil Rights Movement immer mehr Zulauf. Diese Bewegung reichte von religiös motivierten Menschen, deren bekanntester Vertreter Martin Luther King Jr. war, über sogenannte Freedom riders, weiße US-Amerikaner, die sich mit dem Kampf der Afroamerikaner solidarisierten bis hin zur Black Panther Party for Self Defense, die sich für ein militantes Vorgehen „by any means necessary“ gegen alle Benachteiligungen der afroamerikanischen Bevölkerung aussprach.

>>> Das Civil Rights Movement und die Geschichte von Martin Luther King Jr. zum Anhören (16 Minuten)

Im Laufe der 60er Jahre nahm die Zahl der Studierenden stark zu, erstmals kamen in großen Zahlen Jugendliche an die Universitäten, deren Eltern keine Akademiker waren. V.a. im deutschsprachigen Raum waren die Universitäten traditionell stark von politisch rechts bis rechtsextrem eingestellten Männerbünden und Burschenschaften geprägt. Gegen die Benachteiligung weiblicher Wissenschafterinnen entwickelte sich unter weiblichen Studierenden Widerstand, weiters richtete sich der Protest der Studierenden gegen Professoren, die ein Naheverhältnis zu nationalsozialistischen bzw. rechtsextremen Ideologien hatten. Die Studierenden forderten Mitsprache an den Universitäten und richteten sich gegen den „Muff von 1000 Jahren – unter den Talaren“. Auch überkommene Moralvorstellungen betreffend das Verhältnis der Geschlechter wurden einer Kritik unterzogen. Dabei wurde beispielsweise gegen das Verbot für Studierende in Studentenwohnheimen, die Nacht gemeinsam mit der Freundin zu verbringen, protestiert.

Ein Radiobeitrag zu einem der Idole der 68er, dem Argentinischen Arzt und Revolutionär >>> Ernesto Che Guevara zum Anhören (17 Minuten)

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ beschäftigt sich mit den Studierendenprotesten in den 60er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland:

>>> Proteste in den 60er Jahren in der BRD

>>> Der Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967

Auch abseits der Universitäten stellte eine immer größer werdende Zahl von Frauen die gesellschaftliche Rollenverteilung von Männern und Frauen in Frage. Frauen verlangten nicht nur formal-juristische Gleichberechtigung, wie sie z.B. im österreichischen Eherecht nicht vorhanden war, wo es hieß: „Der Ehemann ist das Oberhaupt der Familie.“ Sie forderten eine wirkliche Verbesserung der Möglichkeiten der Berufsausbildung und des Zugangs zu Universitäten, eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Bis heute werden Frauen, die auf die Benachteiligung in der Gesellschaft hinweisen, von gewissen Kreisen  als „Emanzen“ bezeichnet.

Weniger in Deutschland und Österreich, dafür umso mehr in Italien und Frankreich breitete sich die Bewegung auch auf die (Industrie-)arbeiter/innen aus, die nicht nur für einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, also für Lohnerhöhungen kämpften, sondern insgesamt die Befehlsgewalt von Vorgesetzten in den Unternehmen in Frage stellten und sich mit den Anliegen der Studierenden solidarisierten.  Ein Generalstreik der Gewerkschaften in Frankreich im Mai 1968 wurde von Staatspräsident Charles De Gaulle mit der Verhängung des Ausnahmezustands beendet.

US-Soldaten demonstrieren gegen den Krieg gegen VietnamWeltweit gab es seit dem „Tonkin-Zwischenfall“ im Jahr 1964 und dem Eingreifen der US-Regierung in den Vietnamkrieg mit massiven Luftangriffen und einer halben Million US-Soldaten eine weltweite Protestbewegung gegen ebendiese westliche Einmischung in den Vietnamkrieg. Auch hier gab es sehr unterschiedliche Teilnehmer/innen,  darunter olympische Goldmedaillengewinner, katholische Priester, Wehrdienstverweigerer und Studierende an vielen Universitäten und schließlich auch immer mehr Soldaten der US-Armee, die sich teilweise weigerten, in den Krieg geschickt zu werden. >>> Die Studierendenbewegung in den USA und der Vietnamkrieg zum Anhören (20 Minuten)

Die Anti-Kriegsbewegung hatte in den USA eine große Überschneidung mit dem Civil Rights Movement, u.a. deshalb, weil unter den Soldaten, die nach Vietnam entsendet wurden, überproportional viele Afroamerikaner waren. Dem amtierenden Weltmeister im Schwergewichtsboxen, Muhamad Ali, wurde im Jahr 1967 sein Titel aberkannt, weil er den Kriegsdienst in der US-Armee in Vietnam verweigerte.

In dieser Dokumentation geht es um die Geschichte des Civil Rights Movement in den USA in den 1960er Jahren vom Beginn der gewaltlosen Bewegung von Martin Luther King Jr. bis zur Entstehung der Black Panther Party for Self Defense:

Martin Luther King Jr. formulierte am 4. April 1967, ein Jahr bevor er ermordet wurde, seine Kritik am Krieg, den die Regierung der USA in Vietnam gegen die dortige Bewegung des Vietcong führte. In seiner Predigt, gehalten in der Riverside Church in New York, zeigt Martin Luther King Jr. Zusammenhänge zwischen dem Civil Rights Movement und der Bewegung gegen den Vietnamkrieg auf. >>> Martin Luther Kings Rede „Beyond Vietnam“ (1967) als PDF

Hier können Ausschnitte aus seiner Rede „Beyond Vietnam“ angehört werden:

Auszüge aus Martin Luther Kings Rede „Beyond Vietnam“ – gehalten anlässlich seiner Nominierung als Mitglied der „Clergymen concerned“ in der Riverside Church, New York, am 4. April 1967:

There is at the outset a very obvious and almost facile connection between the war in Vietnam and the struggle I and others have been waging in America. A few years ago there was a shining moment in that struggle. It seemed as if there was a real promise of hope for the poor, both black and white, through the poverty program. There were experiments, hopes, new beginnings. Then came the buildup in Vietnam, and I watched this program broken and eviscerated as if it were some idle political plaything of a society gone mad on war. And I knew that America would never invest the necessary funds or energies in rehabilitation of its poor so long as adventures like Vietnam continued to draw men and skills and money like some demonic, destructive suction tube. So I was increasingly compelled to see the war as an enemy of the poor and to attack it as such.

[…] A tragic recognition of reality took place when it became clear to me that the war was doing far more than devastating the hopes of the poor at home. It was sending their sons and their brothers and their husbands to fight and to die in extraordinarily high proportions relative to the rest of the population. We were taking the black young men who had been crippled by our society and sending them eight thousand miles away to guarantee liberties in Southeast Asia which they had not found in southwest Georgia and East Harlem. So we have been repeatedly faced with the cruel irony of watching Negro and white boys on TV screens as they kill and die together for a nation that has been unable to seat them together in the same schools. So we watch them in brutal solidarity burning the huts of a poor village, but we realize that they would hardly live on the same block in Chicago. I could not be silent in the face of such cruel manipulation of the poor.

[…] As I have walked among the desperate, rejected, and angry young men, I have told them that Molotov cocktails and rifles would not solve their problems. I have tried to offer them my deepest compassion while maintaining my conviction that social change comes most meaningfully through nonviolent action. But they asked, and rightly so, „What about Vietnam?“ They asked if our own nation wasn’t using massive doses of violence to solve its problems, to bring about the changes it wanted. Their questions hit home, and I knew that I could never again raise my voice against the violence of the oppressed in the ghettos without having first spoken clearly to the greatest purveyor of violence in the world today: my own government.

[…] we increased our troop commitments in support of governments which were singularly corrupt, inept, and without popular support. All the while the people read our leaflets and received the regular promises of peace and democracy and land reform. Now they languish under our bombs and consider us, not their fellow Vietnamese, the real enemy…
So they go, primarily women and children and the aged. They watch as we poison their water, as we kill a million acres of their crops. They must weep as the bulldozers roar through their areas preparing to destroy the precious trees. They wander into the hospitals with at least twenty casualties from American firepower for one Vietcong-inflicted injury. So far we may have killed a million of them, mostly children. They wander into the towns and see thousands of the children, homeless, without clothes, running in packs on the streets like animals. They see the children degraded by our soldiers as they beg for food. They see the children selling their sisters to our soldiers, soliciting for their mothers.
What do the peasants think as we ally ourselves with the landlords and as we refuse to put any action into our many words concerning land reform? What do they think as we test out our latest weapons on them, just as the Germans tested out new medicine and new tortures in the concentration camps of Europe? Where are the roots of the independent Vietnam we claim to be building?

[…] We must continue to raise our voices and our lives if our nation persists in its perverse ways in Vietnam. We must be prepared to match actions with words by seeking out every creative method of protest possible.
As we counsel young men concerning military service, we must clarify for them our nation’s role in Vietnam and challenge them with the alternative of conscientious objection. I am pleased to say that this is a path now chosen by more than seventy students at my own alma mater, Morehouse College, and I recommend it to all who find the American course in Vietnam a dishonorable and unjust one. … These are the times for real choices and not false ones. We are at the moment when our lives must be placed on the line if our nation is to survive its own folly. Every man of humane convictions must decide on the protest that best suits his convictions, but we must all protest.

The war in Vietnam is but a symptom of a far deeper malady within the American spirit, and if we ignore this sobering reality, we will find ourselves organizing „clergy and laymen concerned“ committees for the next generation. They will be concerned about Guatemala and Peru. They will be concerned about Thailand and Cambodia. They will be concerned about Mozambique and South Africa. We will be marching for these and a dozen other names and attending rallies without end unless there is a significant and profound change in American life and policy. [sustained applause] So such thoughts take us beyond Vietnam, but not beyond our calling as sons of the living God.

[…] In 1957, a sensitive American official overseas said that it seemed to him that our nation was on the wrong side of a world revolution. During the past ten years we have seen emerge a pattern of suppression which has now justified the presence of U.S. military advisors in Venezuela. This need to maintain social stability for our investments accounts for the counter-revolutionary action of American forces in Guatemala. It tells why American helicopters are being used against guerrillas in Cambodia and why American napalm and Green Beret forces have already been active against rebels in Peru.
It is with such activity [U.S. support for dictatorships in Latin America and Vietnam] in mind that the words of the late John F. Kennedy come back to haunt us. Five years ago he said, „Those who make peaceful revolution impossible will make violent revolution inevitable.“ Increasingly, by choice or by accident, this is the role our nation has taken, the role of those who make peaceful revolution impossible by refusing to give up the privileges and the pleasures that come from the immense profits of overseas investments…

[…] I am convinced that if we are to get on the right side of the world revolution, we as a nation must undergo a radical revolution of values. We must rapidly begin the shift from a thing-oriented society to a person-oriented society. When machines and computers, profit motives and property rights, are considered more important than people, the giant triplets of racism, extreme materialism, and militarism are incapable of being conquered.
[…] A true revolution of values will soon look uneasily on the glaring contrast of poverty and wealth. With righteous indignation, it will look across the seas and see individual capitalists of the West investing huge sums of money in Asia, Africa, and South America, only to take the profits out with no concern for the social betterment of the countries, and say: „This is not just.“ It will look at our alliance with the landed gentry of South America and say: „This is not just.“ The Western arrogance of feeling that it has everything to teach others and nothing to learn from them is not just.
A true revolution of values will lay hands on the world order and say of war: „This way of settling differences is not just.“ This business of burning human beings with napalm, of filling our nation’s homes with orphans and widows, of injecting poisonous drugs of hate into the veins of peoples normally humane, of sending men home from dark and bloody battlefields physically handicapped and psychologically deranged, cannot be reconciled with wisdom, justice, and love. A nation that continues year after year to spend more money on military defense than on programs of social uplift is approaching spiritual death.
Our only hope today lies in our ability to recapture the revolutionary spirit and go out into a sometimes hostile world declaring eternal hostility to poverty, racism, and militarism.

[…] We can no longer afford to worship the god of hate or bow before the altar of retaliation. The oceans of history are made turbulent by the ever-rising tides of hate. History is cluttered with the wreckage of nations and individuals that pursued this self-defeating path of hate…
We are now faced with the fact, my friends, that tomorrow is today. We are confronted with the fierce urgency of now. In this unfolding conundrum of life and history, there is such a thing as being too late. Procrastination is still the thief of time. Life often leaves us standing bare, naked, and dejected with a lost opportunity…
We still have a choice today: nonviolent coexistence or violent co-annihilation. We must move past indecision to action. We must find new ways to speak for peace in Vietnam and justice throughout the developing world, a world that borders on our doors. If we do not act, we shall surely be dragged down the long, dark, and shameful corridors of time reserved for those who possess power without compassion, might without morality, and strength without sight.

Weitere Teile der Dokumentation über das Civil Rights Movement bis zur Entstehung der Black Panther Party for Self Defense:

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